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Ich fürchte, manche bauen die Zukunft wie einen Unfall.
Kurt Marti

Fragen nach Sinn

Montag, 29. Dezember 2014 - 16:00 bis Freitag, 2. Januar 2015 - 15:00

Silvesterfreizeit auf Burg Bodenstein zu der Frage nach Sinn, Fundamentalismus und Gegenmitteln vom 29.12.2014 bis 2.1.2015 mit Dr. Martin Bauschke

Die Ausschreibung finden Sie hier.

Wer bin ich

Wer bin ich ohne meinen Kaffee am Morgen?
Wer bin ich ohne meinen Mann?
Wer bin ich ohne meine Kinder?
Wer bin ich ohne die Jagd auf Fakten zur Beweislage, dass die Schöpfung zerstört wird?
Wer bin ich ohne Gott?
Wer bin ich ohne das Begehren zu bestätigen, dass das Böse durch Gutes überwunden wird?
Wer bin ich ohne meinen Beruf?
Wer bin ich ohne Vergangenheit und ohne Pläne für die Zukunft?
Wer bin ich ohne meine Glaubenssätze?

Eine Getriebene?
Ein Häuflein Elend?
Ein zerrissener Mensch?

Oder bin ich ein von Liebe durchglühter Mensch,
eine Verweilende,
in der wahren Schönheit des SEINS?

Regina Jahnke

Dr. Martin Bauschke, Bildungsreferent der Stiftung Weltethos in Berlin, hielt den Hauptvortrag und stand als Referent den Teilnehmenden alle Tage auf der Burg zur Verfügung.
In seinem Einstiegsvortrag unterschied er den Begriff des Fundamentalismus von dem des Extremismus. Ein Fundament zu haben sei nicht nur für den Bau eines Hauses notwendig, sondern auch für eine begründete Wissenschaft, für gute Beziehungen und für einen nachhaltigen Lebensstil. Gefährlich dagegen werden fundamentale Gedanken und Meinungen, wenn sie extremistisch und fanatisch werden: Hier verortet er den Begriff des „Fundamentalismus“.Von dieser Gefahr seien im Übrigen nicht nur die Religionen bedroht, sondern alle Weltanschauungen. Der Satz „Eine Wirtschaft muss wachsen“ spiegelt zum Beispiel einen Glaubenssatz wider, der lange Zeit nicht hinterfragt wurde – mit den entsprechenden Folgen.

„Wie ticken Fanatiker?“
Unter diesem Stichwort führte Martin Bauschke 18 Merkmale an, die die Teilnehmenden nachdenklich machten:
Neben Abschottung, Absolutheitsverhalten und Intoleranz, dem patriarchalen Führungsprinzip, dem Freund- Feinddenken und der Kompromisslosigkeit, dem Kult des Buchstabens und der Gewalt als Dienst an Gott gehören zu den 18 Punkten auch Kriterien, die uns selbst auch nachdenklich machten: so die „halbierte Modernität“, die Nestwärme, die in fundamentalistischen Zirkeln entsteht, aber auch die Frage- und Denkverbote oder die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen. Auch Humorlosigkeit kann Fundamentalismus zum Ausdruck bringen, die Schwierigkeiten, die Fünf auch einmal gerade sein zu lassen, sowie die ungestillte Sehnsucht nach einem wie auch immer verlorenen Paradies. Typisch für den Fundamentalismus ist darüber hinaus eine unverhältnismäßig große Medienpräsenz. Und nicht zuletzt kompensiert der Fundamentalismus unbewusste Ängste.

Regina Jahnke: „Krankheit als Folge von Gewalt und Gewalt als Folge Krankheit“

Einen interessanten Exkurs zu den angeführten grundlegenden Gedanken zum  Fundamentalismus referierte Regina Jahnke, anerkannte Heilpraktikerin aus Berlin. Sie stellte in ihrem Vortrag Zusammenhänge her zwischen Gewalt und Krankeit im Allgmeinen und zwischen der Gewalt und Epidemien und Pandemien im Besonderen.

Als Erklärungsmuster für das Entstehen von Krankeiten orientiert sich Regina Jahnke weniger an der „Erregertheorie“ seit Robert Koch, sondern an der „Miasmenlehre“ nach Samuel Hahnemann (1755-1843). Diese Lehre erlebt aktuell eine Weiterentwicklung für das heutige Lebensumfeld. Ein Arbeitskreis in Berlin z. B. besteht aus 20 Personen.

Es wurde beobachtet, dass insbesondere vor dem Ausbruch von Kriegen und auch bei der Beendigung von Kriegen große Epidemien und Pandemien vorkamen. Hahnemann führte die Ursprünge der Krankheiten nicht auf Erreger zurück, sondern auf eine „Ur-Krankheit“, die er als ein „Gefühl der Trennung / der  Abspaltung“ vom Guten/von Gott  bezeichnet („Leid“) und aus der in aufsteigender Folge vier „Miasmen“ (griech: Fleck, Dünste, Verstimmung) zur Entfaltung kommen können. Sie alle können geheilt werden, wenn dem Organismus Möglichkeiten gegeben werden, sie ausheilen zu lassen. Den Heilungsprozess unterstützen Mittel aus dem Tier- und Pflanzenreich. Die Erde gibt her, was nötig ist in energetischer oder in stofflicher Form. Erfahrene Gewaltmechanismen, die zu verinnerlichten „Glaubenssätzen“ geworden sind, lähmende „Fundamentalismen“, Denkverbote, Unterdrückung und Unfreiheit können den Menschen jedoch derart begrenzen und bedrücken, dass sich die Krankheit festsetzt und tragische Entfaltungen entwickelt. Krank machen also nicht unbedingt die „Erreger“, die oft unbemerkt lange Zeiten im Körper schlummern, sondern das, was eine eigenständige Ausheilung verhindert. Dazu zählen im weiteren Sinne auch Chemie, Umweltgifte, Impfungen, Entmündigungen, Zeitdruck. Krank machen in letzter Konsequenz auch Therapien, die die eigentlichen unfruchtbaren Gefühle der Abspaltung zudecken.

Regina Jahnke gab einen Impuls zum Weiterdenken, der den Methoden der gewaltfreien Kommunikation entspricht: Wenn es gelingt, sich mit den eigenen Schwächen, mit Schuld oder mit ungesunden Anteilen selbst zu versöhnen, spaltet dieselben nicht ab und richtet sie weder gegen sich selbst noch gegen Andere in womöglich aggressiver und tödlicher Weise.

Während der Tagung stellten sich die Teilnehmenden vor allem zwei Fragen:
„Wo gibt es auch in meinen eigenen Selbstverständnis fundamentale Ansichten, die sich in Ansätzen zu fundamentalistischem Denken und Handeln entwickeln könnten?“ bzw. „Wie kann ich Fundamentalismus bei mir und Anderen erkennen?“ Und: „Welche praktischen Möglichkeiten  gibt es, um Fundamentalisten in ihrem Denken und Handeln zu stoppen?“

In Kleingruppen wurde um Antworten gerungen. Die vielen Inputs mussten erst einmal verdaut werden. Wir staunten über die Tiefe, die Kompexität und über die Vielgestaltigkeit des Themas.

Ulrike Berghahn hatte in einem interessanten Vortrag aus neurobiologischer Sicht dargelegt, wie wichtig Orientierung, Bedeutsamkeit, Zugehörigkeit und Kohärenz für Menschen sind. Menschen, die in diesen Hinsichten einen Sinn in ihrem Leben gefunden haben, sind weniger anfällig für Extremismus und Fundamentalismus als sogenannte „indifferente“ Menschen, die damit überfordert sind, in einer pluralen Gesellschaft tagtägliche Sinnarbeit selbst zu leisten

Drei Filme luden uns ein in die Welt von extremen Fundamentalisten und einer führte uns  dann auch wieder hinaus!

„Paradise Now“ gabe uns einen Einblick, wie Landlosigkeit und Ungerechtigkeit Ohnmacht und Gewalt gegen sich selbst und andere hervorrufen. „Du sollst nicht lieben“ handelte von der verbotenen Liebe Gleichgeschlechtlicher. Ein dritter, wunderbarer Film aus Nigeria, „Der Pastor und der Imam“, zeigte uns aber auch, wie wundervoll Versöhnung geschehen kann, wenn Feinde sich in die Augen geschaut haben. Es bleibt aber die Aufgabe von uns allen, solche positiven Botschaften weiter zu erzählen und der Öffentlichkeit nicht nur die Horrormeldungen zu überlassen.

Die „Ökumenische Initiative Eine Welt“ als Bildungsbewegung hat mit der Silvestertagung wieder einen wichtigen Schritt getan: Durch Information, Begegnung im Gespräch, durch Aufklärung, Konfrontation und durch das Feiern, durch die Bewegung und den Tanz hat sie 30 Teilnehmenden und Gästen der Familienfreizeit ermöglicht, das volle Leben, mit etlichen Licht und Schattenseiten, so wie es ist, tiefer kennenzulernen und zu leben.

Bernadette Ackva

 

Fotos: Ulrich Göbel (1) und Bernadette Ackva (2)

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