Home | Kontakt
Die Angst vor einer Zukunft, die wir fürchten, können wir nur überwinden durch Bilder von einer Zukunft, die wir wollen.
Wilhelm Ernst Barkhoff

Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter!

Samstag, 28. Dezember 2013 - 18:00 bis Mittwoch, 1. Januar 2014 - 15:00

Silvesterfreizeit auf Burg Bodenstein

So war es

von Manuela Höfner

„Wem gehört die Welt?“ als ich diese Frage las, tauchten bei mir Fragen wieder auf, die ich schon lange mal mit anderen  besprechen wollte. Ich begann mich auf  Burg Bodenstein zu freuen.

Es war mein 3. Treffen und so war ich schon vertraut mit der Burg, mit dem Ablauf und nicht zuletzt mit den Menschen.

Torben Flörkemeier hatte das Jahresendtreffen thematisch vorbereitet und machte uns mit der Theorie und Modellen der „Commons“ - auch Gemeingüter oder Allmende genannt - vertraut, sehr anschaulich, übersichtlich, informativ und mit genug Freiräumen zum Austausch. Die Tage vergingen mit lebhaften Diskussionen wie im Fluge. Dabei nahm Elinor Ostrom, die 2009 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten hatte, mit  „Lasst Menschen mehr Allmende wagen“ breiten Raum ein. Wie kann das gehen? Was braucht es dafür? Woran scheitern Projekte? Torben brachte die theoretischen Bausteine ein. Wann kann eine Ressource zum Gemeingut werden? Welche Regeln sollte sich die Nutzergemeinschaft geben?  Welche Art von Zugang braucht es, damit die Ressource nicht übernutzt wird? Welche Commons gelingen, welche nicht und woran scheitert es? Dabei flossen auch Beispiele aus dem Leben der Teilnehmer wie Deichbau, Carsharing und Rasenmäher-Nutzung ein. Fazit war: „Gemeingüter sind nicht, sie werden gemacht.“

Das Modell von Hardin „Tragik der Allmende“ und das Modell des „Homo oeconomicus“ wurden leidenschaftlich besprochen und festgestellt, dass es sich um vereinfachte  Darstellungen handelt, die nicht das ganze Spektrum des menschlichen Handelns erfassen und nur einen Teil der Realität abbilden. Was Hardin unter Allmende verstehe, sei keine Allmende, sondern Niemandsland, „open to all“. Ostrom kam zu dem Ergebnis, dass Commons gelingen können, wenn es eine Mischung aus gemeinschaftlich festgelegten Regeln und nachfragebasierten Instrumenten gibt. Motto: Kompliziert aber fair. Am Beispiel der Faladjis im Oman, einem antiken Bewässerungssystem, das noch heute funktioniert, war wichtig zu erfahren, dass Komplexität nicht Chaos bedeutet, viele Regeln historisch entstanden sind, ihre Berechtigung haben, wieder geändert wurden und es eine lange Zeit braucht, bis sich ein System entwickelt und Bestand hat.

Torben führte das Thema weiter mit den Überlegungen von Friederike Habermann zu „Ecommony“ - Stichworte sind: Besitz statt Eigentum; teile, was Du kannst; beitragen statt verwerten; freie Kooperation -.und von Silke Helfrich, die die Gemeingüter als Chance zwischen Markt und Staat sah, um Probleme knapper Güter zu lösen, was uns zu lebhaftem Austausch  veranlasste. In der Gesprächsform des Fishbowlings wurde zu diesem Thema diskutiert. Für mich wurde dabei deutlich, wie schwer das Thema Gemeingüter durch seine Vielgestaltigkeit zu fassen ist und dass es auch nicht einfach ist, sich kurz, präzise und verständlich auszudrücken.

Wohltuend war für mich, dass nach den Theorie- und Gesprächsrunden Theater gespielt wurde. Das machte meinen Kopf frei und ich konnte mich dem Thema spielerisch auf einer anderen Ebene annähern. Friderike Gezork provozierte unsere Spontaneität.  Mit wie viel Spaß und Einfällen wir gemeinsam Gemeingüter mit Theatertechniken darzustellen versuchten, war eine Freude mitzuerleben. Erkenntnisgewinn gab es unter anderem von den Teilnehmern, die Tiere, Bäume oder Wasser gespielt hatten. Beim Austausch bemerkten wir, dass aus dieser Perspektive gesehen die Handlungen der Menschen manchmal sehr zum Lachen und zum Heulen sind. Dank der Anleitung von Friderike und einigen spielfreudigen Teilnehmern der Burgfreizeit gelang es uns, ein Theaterstück „Bäume“ zu entwickeln, das dann am Silvesterabend Premiere hatte und vom Publikum gut aufgenommen wurde.

Schaffen wir es bei der Reise in den Klimawandel niemanden ausscheiden zu lassen und wie hier die Stühle mit Spaß zu teilen?

Was bleibt sonst zu berichten?
Ulrike Berghahn bot meditative Tänze an, Karl Wolff stellte wieder einen Chor auf die Beine stellte und lud zum Tanzen ein, Friderike hatte Ihre Trommel mitgebracht und gemeinsam mit anderen, die trommelten oder Percussion spielten, gab es ein improvisiertes Trommelfeuer zu Silvester. Ein berührender Moment war für mich, als Willi erzählte, dass er durch das Wasserprojekt von Rabbi Soetendrop wieder zu träumen angefangen habe, und er darum bat, weiter träumen zu können und die ÖIEW nicht nur Hebamme dieses Projektes sei, sondern auch künftig mitwirke.

In der Schlussrunde haben Torben Flörkemeier und Rike Gezork gleichermaßen für ihre motivierende  Vorgehensweise und ihr straffes Zeitprogramm viel Lob erhalten. Sie hätten eine wohltuende Atmosphäre  verbreitet, was die beiden Referenten als Kompliment an alle zurückgaben. Dabei waren Rike und Torben, wie besonders angemerkt wurde, die jüngsten Teilnehmer. „Wir Älteren ließen uns von Jüngeren etwas sagen.“ Das mache doch die Ökumenische Initiative Eine Welt aus, meinte ein anderer, denn „wir waren und sind eine Lernbewegung.“ So sei es offenbar immer noch. Der Offenheit für Neues wurde ein kurzes Augenmerk geschenkt. Denn mit ihr korrespondiere Gesprächsbereitschaft, was gerade jetzt umso notwendiger sei, da wir, unsere Gesellschaft, in einer Krise steckten, aber noch nicht die Antworten hätten. „Ich bin neugierig gekommen und fahre neugierig wieder nach Hause“, zog eine Teilnehmerin ihr Fazit.

Einladung

"Die alte Welt treibt durch stürmische Zeiten. Sie wirkt wie ein aus dem Ruder gelaufener Tanker in schwerer See. Eine neue Welt ist nicht in Sicht, aber Leuchtfeuer am Horizont weisen in Richtungen, die wir jederzeit einschlagen können, um dem Sturm zu entkommen."

Mit diesen Worten beginnen die Heinrich-Böll-Stiftung und Silke Helfrich ihr neustes Buch zum Thema Gemeingüter (Commons). Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat - und es stellen sich die Fragen "Was sind das für Leuchtfeuer? Wohin weisen sie uns? Wie können wir den Weg in ihre Richtung steuern?" Genau mit diesen Fragen wollen wir uns bei der diesjährigen Sylvesterfreizeit in stimmungsvollem Ambiente auf Burg Bodenstein in Thüringen beschäftigen. Wir laden Sie dazu ein dort die letzten Tage des Jahres mit netten Menschen, spannenden Themen, Freizeit in schöner Umgebung, oft Schnee, einem tollen Silvesterfest und glücklich betreuten Kindern zu verbringen.

Zum Thema:
Menschen überall auf der Welt suchen nach Alternativen zu zentralisierten Hierarchien einerseits und entfesselten Märkte andererseits. Sie suchen nach Kooperation anstelle von Konkurrenz, Gemeinwohl anstelle von individuellem Vorteil und Aushandlung anstelle von Kauf und finden diese in den (historischen) Ideen der Gemeingüter - auch Commons oder Allmenden genannt. Gemeingüter sind gemeinschaftlich genutzte Güter, die unter gemeinsam aufgestellten Regeln frei zugänglich sind. Zur Zeit entstehen weltweit Projekte und Innovationen, die auf der Idee der Gemeingüter gründen - Protestbewegungen gegen die Privatisierung von Wasser, die Wiederentdeckung der Obstallmende, Urbanes Gärtnern, Wikipedia und Co im Internet und vieles mehr. Im Rahmen des inhaltlichen Programms des Jahresendtreffens der ÖIEW wollen wir uns mit dem Konzept Gemeingüter und seiner Leuchtkraft als Alternative zu Markt und Staat beschäftigen. Es werden die historischen Wurzeln der Allmende in Europa beleuchtet und regionale und internationale Projekte vorgestellt. Gemeinsam wollen wir darüber reflektieren, welche Rolle Gemeingütern in dem Transformationsprozess zu einer nachhaltigen Weltgesellschaft im Sinne der Erd-Charta zukommt.

Meditation, Kreativprogramm und Fest:
Die thematische Arbeit stellt jedoch nur ein Element des Jahresendtreffens dar. Ebenso wichtig ist: die unvergleichliche Atmosphäre der Burg Bodenstein, das gemeinsame Singen und - nach Möglichkeit - Musizieren, Wanderungen in der oft verschneiten Landschaft rings herum, Gottesdienste und Spiritualität und nicht zuletzt die Gespräche im Kreis von Gleichgesinnten. Einen Höhepunkt bildet der gemeinsam im Burgsaal gestaltete Silvesterabend. Genuss für Leib und Seele - leckeres Buffet, gemeinsames Feiern oder die Stille der Burgkapelle, Anstoßen im Burghof unter Sternenhimmel und Tanz ins Neue Jahr.

Das ÖIEW-Treffen ist Teil der Silvester-Burgfreizeit für Einzelne sowie Familien mit Kindern. Für letztere bietet die Burg je nach Altersstufe eine Betreuung mit eigenem Programm an.

Die Kosten betragen für Erwachsene 195 € (inkl. Vollpension), für Kinder je nach Alter deutlich weniger.  Da nur noch wenige von Plätze zur Verfügung steht, melden Sie sich bitte in der ÖIEW-Geschäftsstelle, wenn Sie Interesse an der Veranstaltung haben.

Das Vorbereitungsteam freut sich auf Sie/Euch: Ulrike Berghahn, Paulander Hausmann, Torben Flörkemeier und Manuela Höfner.

Fotos: Angelika Wuttke (1) und Ulrike Berghahn (2,3)

Aktuelles

Frühjahrstagung 2020

"Globale Sicherheit neu denken"

in Warburg

initiativ 157

Redaktionsschluss: 2. Februar 2020

Ein neuer Name für die ÖIEW?

Ein Aufruf von Paulander Hausmann

initiativ 156

Die jüngste Ausgabe unseres Rundbrief initiativ ist im November 2019 erschienen.
Im Blickpunkt: Fridays for Future

Nachruf auf Dr. Rüdiger Schloz

Der Mitbegründer Ökumenischen Initiative Eine Welt Dr. Rüdiger Schloz ist am 11. Juni 2019 verstorben